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Ausarbeitung: Max Lehner, Freisinger Anwalt und Oberbürgermeister

  • Einstehen für das Recht, Widerstand

  • keine Benachteiligung durch Rasse oder Religion

  • GG Art. 3; Art 19, Art. 20 (3)., Art. 20 (4)

Mit Max Lehner würdigt Freising eine Persönlichkeit, die uns zweierlei lehrt: Auch in schwierigen Zeiten muss das Recht gelten, und es muss Menschen geben, die dieses Recht anwenden. Und zweitens: Auch wer selbst großes Leid und Unterdrückung erfahren hat, kann weiterhin motiviert sein, sich für das Gemeinwohl einzusetzen und sich politisch zu engagieren.

 

In der „Reichskristallnacht“ wurden im Deutschen Reich 90 Juden ermordet und 6000 sich in jüdischem Besitz befindliche Geschäfte zerstört oder schwer beschädigt. Wohnungen wurden gestürmt und über 30.000 Juden ins Konzentrationslager gebracht. Das Pogrom vom 9.11.1938 im gesamten deutschen Reichgebiet war das Signal für den Übergang von der Entrechtung, Verfolgung und Vertreibung zur Vernichtung.

 

Am 10. November 1938 fand auch in Freising die zweite große, öffentlich organisierte Aktion gegen jüdische Bürger und ihnen gegenüber freundlich gesonnene Mitbürger statt. Ausgehend von großen Veranstaltungen der NSDAP-Ortsgruppe im Kolosseum, im Stieglbräu, beim Neuwirt und im Grünen Hof, wurde die Bevölkerung aufgehetzt. Eine größere Menschenmenge mit Schildern marschierte vor das Haus der Neuburgers und das der Holzers in der Oberen Hauptstraße 9 und forderte lautstark, dass alle Juden Freising verlassen sollten. Irma Holzer wurde auf der Straße von der Menge gedemütigt, die Fensterscheiben des Kaufhauses Neuburger wurden eingeschlagen und die Fassade mit der Aufschrift „Der Jud muss hinaus. Auf nach Palästina“ versehen. Hauswände wurden mit Aufschriften versehen, Scheiben eingeschlagen.

 

Die Aktion war aber nicht nur gegen jüdische Familien gerichtet, sondern auch gegen “Juden-Knechte“. Als solchen stellte die lokale NS-Partei besonders den Rechtsanwalt Max Lehner hin, einer der öffentlich bekannten Persönlichkeiten Freisings. Max Lehner wurde 1906 in Freising geboren, besuchte hier das Dom-Gymnasium und absolvierte ein Studium der Rechtswissenschaften. 1932 eröffnete er in Freising eine eigene Kanzlei. Lehner war nie Mitglied einer politischen Gruppe und Gegner der NSDAP. Als Anwalt verteidigte er jedoch jüdische Familien bis zur Pogrom-Nacht. Man warf ihm vor, judenhörig zu sein, da er Juden vor Gericht vertrat. In der Nacht des 10. November verschaffte sich die Menge Zutritt zu seiner Wohnung, verprügelte ihn und trieb ihn im Schlafanzug mit einem Schild („Juda verrecke“) durch Freising. Lehner wurde dann „zur Sicherheit“ in Schutzhaft genommen.

 

Am nächsten Morgen wurde ihm von NS-Kreisleiter Lederer erklärt, dass er keine Existenzmöglichkeit mehr in Freising habe. Seine Anwaltslizenz wurde eingezogen. Er ging nach Sachsen. Als es für Max Lehner auch dort zu gefährlich wurde, floh er 1940 nach Frankreich. Erst mit dem Ende des Krieges kehrte er wieder in seine Heimatstadt zurück, praktizierte als Pflichtanwalt und trug später als parteifreier Oberbürgermeister (1948 – 1970) maßgeblich zum Wiederaufbau der Domstadt bei. Er starb 1975 in Freising.

Literatur

Rudolf Goerge, Spuren jüdischer Kultur und jüdischen Lebens im Freisinger Raum, in: Amperland 1991, Heft 1 und 2; S.Kochendörfer und T.Schmid, Freising unterm Hakenkreuz, 1983 Sandra Pfeiffer, Spuren jüdischen Lebens in Freising, Facharbeit (Gymnasium 1996); Stadtarchiv, Freising: Bestand Altakten III – Sammelakt Juden, Korrespondenz Bürgermeister: Einwohnermelder und Familienbögen, Heimatansässigkeits- und Verehelichungsakten; Nachlass Max Lehner, Freisinger Tagblatt 1928, 1933, 1938 Stadtarchiv Freising: Ausstellung im Rathaus, November 2000; Staatsarchiv München: Akten des Landratsamtes und der Polizeidirektion.