Ausarbeitung: Otto Semoser - der Wohltätige Türhüter
Neben einem Grabstein im rechten Seitenschiff des Freisinger Doms befindet sich am Boden eine kleine, rechteckige Marmorplatte aus dem 18. Jahrhundert mit der lateinischen Inschrift: „Otto Semoser, Türhüter unter Bischof Gerold.“
Brot oder Steine?
Wer war dieser rätselhafte Otto Semoser? Wir wissen es nicht. Doch die Volksfrömmigkeit hat diese sonst nicht näher bekannte Person zu einer heiligmäßigen Gestalt erhöht. Otto soll zur Zeit des Gerold (1220-1230) Pförtner am bischöflichen Hof in Freising gewesen sein. Freigiebig schenkte er den Bettlern und Armen, die an das Tor klopften, Almosen, besonders aber Brot. Der hartherzige und geizige Bischof wollte dies nicht dulden.
Als der gütige Otto einmal von seinem Herrn erwischt wurde, wie er Brot an die Armen verteilen wollte, verwandelte sich das Brot in Stein. So erzählt es die Legende. Aus der Freisinger Bistumsgeschichte wissen wir tatsächlich, dass Bischof Gerold ein verschwenderisches Leben führte und Kirchengüter verschleuderte. Deshalb wurde er 1230 von Papst Gregor IX. seines Amtes enthoben und starb 1231 als einfacher Domherr.
Im Fürstengang des Freisinger Domes, der über der Johanneskirche von der Residenz in den Dom führt, hängen die Porträts der Freisinger Bischöfe, die der Hofmaler Joseph Franz Lederer um 1700 im Auftrag des Fürstbischofs Johann Franz Eckher gemalt hat. Das Bild des Bischofs Gerold zeigt, wie der bescheidene Türhüter Otto Semoser seinem gestrengen Herrn im geöffneten Mantel die versteinerten Brote vorweist. Noch im 19. Jahrhundert wurde in Freising ein versteinertes Brot von Otto Semoser aufbewahrt.
Legenden stiften zum rechten Handeln an
Schon in frühester Zeit war es üblich, dass an den Pforten der Klöster, Stifte und Kirchen Brot an die Armen und Mittellosen verteilt wurde. Der Kleriker, der diese Aufgabe zu erfüllen hatte, hieß „dispensator pauperum“ (Verteiler an die Armen). Brotspenden bei Begräbnissen oder an Gedächtnistagen waren bis ins 19. Jahrhundert in Klöstern und Kirchen üblich. Der fromme und wohltätige Otto Semoser erinnert uns stark an viele andere Heilige, denen Ähnliches passiert ist.
Die Legende von Otto Semoser aus Freising und von den vielen anderen Heiligen und heiligmäßigen Männern und Frauen will uns daran erinnern, dass wir für die Armen und Bedürftigen ein offenes Herz und eine offene Hand haben sollen, auch wenn es anderen nicht gefällt. Und auch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland atmet einen Geist der sozialen Gerechtigkeit.
Literatur
S. Benker, in: Freising. 1250 Jahre Geistliche Stadt. Ausstellung im Diözesanmuseum und in den historischen Räumen des Dombergs in Freising. 1989, S. 387 f.; R. Goerge: Otto Semoser, der Türhüter am Freisinger Bischofshof. Über ein europäisches Legendenmotiv des Mittelalters. In: Amperland 12 (1976) S. 134-136, 154 f.,182 f.Freising