Ausarbeitung: Schicksale jüdischer Familien in Freising
keine Benachteiligung durch Rasse oder Religion
GG Art. 3
Eine der ersten und eingreifendsten Maßnahmen der Nationalsozialisten gegen jüdische Bürger war der Aufruf zum Boykott der jüdischen Geschäfte am 1. April 1933. Auch in Freising marschierten SA-Angehörige auf, brachten Plakate an und postierten sich bewaffnet vor den Türen jüdischer Geschäfte. Von da an durften keine jüdischen Inserate mehr in Zeitungen gedruckt werden. Eine Reihe beruflicher Tätigkeiten wurde untersagt oder erschwert. Auch Stammkunden besuchten die Warenhäuser kaum noch oder nur durch Hintereingänge. Oder sie ließen sich, aus Angst gesehen zu werden, Waren nur mehr auf telefonische Bestellung bringen. Das war der erste Schritt zur gesellschaftlichen Ausgrenzung.
Unterstützt und verschärft wurden die Terror-Maßnahmen durch antijüdische Propaganda in der Presse („Der Stürmer“) oder im Film („Jud Süß“), zusammen mit einer Flut antijüdischer Rechtsvorschriften. Die Nürnberger Gesetze vom 15.9.1935 führten auch in Freising zu weiteren Schikanen. Hier ein Beispiel: Der Kaufmann Siegfried Neuburger musste sich einem Verhör unterziehen, weil er bei Kundenfahrten weibliche Angestellte mitnahm. Wegen des „Umgangs mit arischen Angestellten in der Öffentlichkeit“ wurde er in Schutzhaft genommen. Bei den Neuburgers wurde kurz vor ihrem Wegzug gegen Ende 1938 auch die Post überwacht. Aus Briefen geht hervor, dass „sie sich des Lebens nicht mehr sicher fühlten“. An einer Pfändungsverfügung, die Siegfried Neuburger in Dachau unterzeichnen musste, sehen wir, dass er auch im dortigen KZ gewesen sein muss. Einer der letzten behördlichen Eingriffe, noch in Freising getätigt, war die zwangsweise Umänderung der Namen. So mussten die drei Geschwister Neuburger ab Oktober die Namen Assur, Sally und Tana tragen.
Vorkommnisse um die so genannte „Reichskristallnacht“ in Freising
Unter dem Eindruck jener Ereignisse verließen jedenfalls die verbliebenen jüdischen Familien fluchtartig Freising. Ihre Häuser wurden „arisiert“. Familien wurden gewaltsam auseinandergerissen, deportiert oder umgebracht, starben in Sammellagern oder nahmen sich das Leben. Überlebt haben den Holocaust nur zwei der Freisinger Juden. Hildegard Lewin und Martin Holzer waren gerade noch rechtzeitig aus Deutschland ausgewandert. Beide kehrten nach dem Krieg nach Oberbayern zurück, nicht aber nach Freising. Hildegard Lewin bekam wieder ihr Haus in der Unteren Hauptstraße („Marcushaus“) zurück. Später übertrug sie es an ihre Freundin Berta Lengger, die es dann der Stadt Freising weiterverkaufte.
Stolpersteine erinnern an jüdische Bürger. 1993 hatte der Kölner Bildhauer Gunter Demnig eine bundesweite Aktion ins Leben gerufen: An das Schicksal deportierter und ermordeter Mitbürger jüdischen Glaubens sollte durch Steine erinnert werden. Ein Messingschild hält Namen, Geburtsdatum und das Jahr der Deportation fest. In den Jahren 2005 und 2007 sind auch in Freising insgesamt 13 Gedenksteine in die Gehwege vor den ehemaligen Wohnhäusern jüdischer Opfer verlegt worden.
Literatur
Rudolf Goerge, Spuren jüdischer Kultur und jüdischen Lebens im Freisinger Raum, in: Amperland 1991, Heft 1 und 2; S.Kochendörfer und T.Schmid, Freising unterm Hakenkreuz, 1983; Sandra Pfeiffer, Spuren jüdischen Lebens in Freising, Facharbeit (Gymnasium 1996); Stadtarchiv, Freising: Bestand Altakten III – Sammelakt Juden, Korrespondenz Bürgermeister: Einwohnermelder und Familienbögen, Heimatansässigkeits- und Verehelichungsakten; Nachlass Max Lehner, Freisinger Tagblatt 1928, 1933, 1938 Stadtarchiv Freising: Ausstellung im Rathaus, November 2000; Staatsarchiv München: Akten des Landratsamtes und der Polizeidirektion.