Ausarbeitung: St. Veit: Eine erste Keimzelle der Protestanten in Freising
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Eine Speckknödel-Demonstration
Klingt wie der Buchtitel eines Lokalkrimis der Grießnockerlaffäre- und Kaiserschmarrn-Romanautorin Rita Falk. War aber eine ernste und folgenreiche Angelegenheit. Es war ein Frühlingstag des Jahres 1527. Die Freisinger Bürgerin Katharina Mair brachte eine Schüssel voll Speckknödel ins Haus des Barbiers Zumbrecht. Dort wartete schon eine kleine Gesellschaft auf das leckere Mahl. Zumbrechts Ehefrau Barbara, deren Mutter, ein Nachbar mit Namen Scherer und der Kaplan der Pfarrei St. Veit, Hans Ergkinger, ließen sich zusammen mit Katharina Mair die Knödelspeise schmecken. Sie wäre ihnen auch zu vergönnen gewesen, hätte nicht das Datum des Schmauses bedenklich gestimmt: Noch herrschte das strenge vorösterliche Fastengebot! Tatsächlich wollten die Knödelesser auf diese Weise demonstrieren, was sie vom theologischen Wert des Fastens hielten. Sie gehörten nämlich zu einem kleinen Kreis von Zweiflern, die sich ihre eigenen Gedanken über die „reine Christenlehre“ machten. Der Provokation nicht genug, schickte die mutige Katharina dem Domprediger ein Brieflein, in dem sie ihn aufforderte, bestimmte Bußformeln zu unterlassen, denn „Christus sei gestorben um unser aller Sünden willen.“
Die ersten Freisinger „Protestanten“
An der Spitze der Freisinger Kirchenopposition standen zwei Geistliche, der Pfarrer Christoph von St. Veit (dort wo heute der Lindenkeller und sein Biergarten zu finden sind) und sein Kaplan, der schon genannte Hans Ergkinger. In ihrem Pfarrhaus versammelten sie einen Kreis von Anhängern, mit denen sie die Schriften des Basler Theologen Karlstadt und auch die Thesen Zwinglis und Martin Luthers lasen und auslegten. Hans Ergkinger gewann als erste Anhängerin Katharina Mair, die sogleich Aktivitäten entfaltete und auch ihre zunächst zögernde Mutter überzeugte. Es dürfte sich insgesamt etwa um ein Dutzend Freisinger gehandelt haben, die mehr als ein Jahr lang im Pfarrhaus Ansätze zu einer „evangelischen“ Gemeinde entwickelten, auch der Sohn des Ratsherrn Matthias Straßl, die mit dem Kreis um die beiden Pfarrer von St. Veit sympathisierten.
Die Glaubensgemeinschaft wird zerschlagen
Die entscheidende Kraftprobe mit den kirchlich Verantwortlichen kam zu Ostern 1528. Die in der Pfarrei St. Georg wohnenden Anhänger der neuen Lehre weigerten sich, die Ohrenbeichte abzulegen und wollten nur nach einem allgemein gehaltenen Sündenbekenntnis freigesprochen werden. Als der Pfarrer dieses Ansinnen zurückwies, beichteten sie auf ihre Weise bei dem Kaplan von St. Veit, oder auch überhaupt nicht. Zur Kommunion gingen sie geradewegs in die Dom-Kirche, wo sich sogar der Hofarzt des Bischofs für sie einsetzte. Damit aber wurde das seltsame Verhalten der Abweichler ruchbar und nun schlugen die kirchlichen Oberen zu.
Gleich nach den Osterfeiertagen verhafteten die bischöflichen Büttel Katharina Mair und sieben andere „Protestanten“. Im Kerker unterzog man sie mehrmals „gütlichen“ Verhören; d.h. gefoltert. Aus den Protokollen, die erhalten sind, geht hervor, dass die Behörden zunächst einen Überblick über den beteiligten Personenkreis gewinnen wollten. Die ursprüngliche Vermutung, unter einem theologischen Deckmantel könne sich eine Verschwörung gegen die Obrigkeit verbergen, musste rasch aufgegeben werden, als sich nämlich erwies, dass zu den Sympathisanten des Kreises auch eine Persönlichkeit gehörte, die in den Protokollen geheimnisvoll nur als „Doktor“ oder „Doctor Medicin“ bezeichnet wird. Unschwer dürfen wir hier den bischöflichen Hofarzt Johann Diefenbacher identifizieren, der samt Ehefrau im Hause Mair verkehrte, wo beide keinen Hehl aus ihrer Gesinnung machten.
Ob weitere Mitglieder der Glaubensgemeinschaft verhaftet wurden, wissen wir nicht. Es verlautet auch nichts über das Schicksal der beiden Geistlichen von St. Veit, die zweifellos in einem gesonderten Verfahren abgeurteilt wurden. Die Argumente der Kirchenabtrünnigen fanden sorgfältige Beachtung und man sieht aus den Protokollen, dass weniger das Luthertum wittenbergischer Prägung als vielmehr die Lehren der süddeutschen und schweizerischen Wiedertäufer die Freisinger Protestanten beeinflussten.
Katharina Mair, eine der rührigsten Streiterinnen, wurde verurteilt: . Am 13. Mai 1528 schleppten Gerichtsbüttel die Delinquentin auf den Schrannenplatz (heutiger Marienplatz) und stellten sie vor versammelter Menschenmenge an den Pranger. Der Gerichtsschreiber verlas das Urteil. Dann brannte man ihr ein Kreuz auf die Stirn und sie wurde „für ewige Zeiten“ aus dem Hochstiftsland verwiesen.
In Freising erinnert heute die nach Katharina Mair benannte Straße an den Speckknödel-Aufstand und an mutige Menschen, die für ihre Überzeugung gelitten haben.
Literatur
Aus: Hans Gruber, Wie die Reformation in Freising unterdrückt wurde, in Festschrift: „125 Jahre Evangelische Kirche in Freising“, 1989